Früher war alles einfacher (aber nicht besser)

Schulpult mit Tafel

Früher war alles einfacher (aber nicht besser).

Zu den Lebenszeiten unserer Großväter und -mütter war oft von Anfang an klar, was man in der Zukunft tun würde. Ist dein Vater Bäcker, wirst du Bäcker. Ist dein Vater Bauer, wirst du Bauer. Ist dein Vater Arzt, wirst du Arzt. Und für Frauen gab es ja auch eine klare Zukunft…

Man musste seine Ziele nicht formulieren, weil viele Entscheidungen schon von anderen Menschen gefällt wurden. Ob das besser war als heute, mag jeder für sich selbst entscheiden.

Heute ist das genaue Gegenteil unser Problem: Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten, seine Zukunft zu gestalten. Eltern wünschen Ihren Kindern, dass sie den für sie richtigen Weg wählen. Doch wie findet man unter diesen vielen Wegen (von denen man auch gar nicht alle kennt) den richtigen?


Geschrieben von Eric – BoysVoice
Eric hat erst vor kurzem die Schule erfolgreich mit Abitur beendet und studiert jetzt Physik. Hier schreibt er über die Schwierigkeiten der Entscheidungsfindung in seiner Generation.


Eine erbauliche Geschichte

Unser Titelheld, nennen wir ihn einfach mal Erti, interessierte sich im Kindergarten sehr für Geschichte und Mythologie. Seine Eltern kauften ihm deshalb Bücher über diese Themen und lasen sie als Gutenachtgeschichte vor. Dadurch wuchs sein Interesse nur noch. Als Erti dann auch noch merkte, dass sein Wissen sogar Erwachsene beeindruckte, brannte sein Interesse lichterloh.

Erti kam dann in die Grundschule und ENDLICH durfte er selbst lernen zu lesen. Er verschlang sofort Bücher über seine Interessengebiete. Doch die Grundschule hielt noch etwas anderes bereit: Lernen, die Kinder-Version von Arbeit. Ertis Eltern hatten dafür auch Lernbücher, die sicherlich hilfreich waren. Den größten Erfolg hatten sie aber mit Belohnungen. Es war ein simples Konzept: bessere Noten = bessere Belohnungen. Und wir sprechen hier nicht über Luxusjachten; Aufkleber, Bücher, die Erti ohnehin erhalten sollte, praktisch alles eignete sich als Belohnung. Wichtig war es nur, den Jagdinstinkt zu wecken.

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Als Erti dann auf das Gymnasium ging, wurden seine Noten zunächst schlechter. Erti fand den Grund dafür selbst heraus: er saß immer ganz hinten und redete mit seinen Freunden, Er hatte ein schlechtes Gewissen, wenn er erwischt wurde, aber das hat ihn von nichts abgehalten. Erti wusste mittlerweile, dass er sich selbst zur Mitarbeit überreden musste. Immerhin gab es da noch das Belohnungssystem. Vielleicht half es auch, dass sein Vater ihm vom gleichen Problem berichtete und wie er damit umgegangen ist: er führte eine Strichliste mit seinen Wortmeldungen und denen des Klassenbesten. Da war er wieder, der Jagdinstinkt!

Während seiner Zeit im Gymnasium, schon Jahre vor dem Abitur, haben Ertis Eltern angefangen, seine Interessen auszuloten. Jobmessen, Uni-Tage, Gespräche über die Zukunft. Irgendwann kreiste der Fokus immer mehr über den Naturwissenschaften und pendelte sich bei der Physik ein.

Auf der Uni hat Erti dann herausgefunden, dass es noch eine Sache gab, die ihm früher beim Lernen half: Egal, wie schlecht ein Lehrer Themen erklärt, er hat es zumindest erklärt. Doch die Uni ist eine Institution zum Selbstlernen. Hier werden die Regeln eines Themas erklärt, aber nicht die Details. Fast alles muss nachgearbeitet werden, um es zu verstehen. Hier ist Erti aber bereits erwachsen und löst seine Probleme ohne Hilfe. Trotzdem bespricht er vieles mit seinen Eltern und erhält Vorschläge und Gedankenanstöße, die ihm an vielen Stellen helfen und einen anderen Blickwinkel zeigen.

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    Was soll das eigentlich?

    Der geneigte Leser kann es sich schon denken, der Autor ist natürlich Erti.

    Ich (also auch Erti) glaube nicht an Schicksal, genauso wenig wie meine Eltern. Für mich und meine Eltern ist Erziehung die Suche nach dem richtigen Schalter. Nicht nur für die Schule. Alle Kinder sind wissbegierig, alle Kinder möchten etwas Neues dazulernen. Ich hatte das Glück, dass mir vieles vorgestellt wurde und dass meine Eltern schlau genug waren, meine eigenen Instinkte zu nutzen, um den Schalter zu drücken.

    Natürlich ist das alles stark vereinfacht. Ich hatte noch viel mehr Interessen, die gefördert wurden. Ich habe Selbstreflektion gelernt und löse die Gleichungen meines Lebens mittlerweile eher eigenständig.

    Heute bin ich Student an einer technischen Universität, mein Weg ist also noch lange nicht zu Ende. Aber ich habe im Laufe meiner Schulzeit viele Menschen beobachtet: Freunde, Familie, Klassenkameraden. Viele hatten Probleme damit, ihren Weg zu finden. Sie wissen nicht, was sie machen wollen, wechseln ihre Studiengänge, sind über essenzielle Dinge uninformiert und machen Rückzieher. Ich kenne Leute, die die Schwierigkeit ihres Studiums nicht einschätzen konnten und deshalb anfangs nicht klarkamen. Viele brechen auch ab und suchen nach einem anderen Weg.

    Wo liegt das Problem?

    Das eigentliche Problem ist, dass unsere Institutionen uns nicht beibringen, Entscheidungen zu
    fällen. Wenn wir aus dem Kindergarten kommen, gehen wir in die Grundschule. Nach der Grundschule versucht man meistens, auf die bestmögliche Schulform zu gehen. Aber hier gibt es schon etliche Meinungen: Was ist denn gut? Das Gymnasium? Die Gesamtschule? Oder ist für mich die Real- oder Sekundarschule besser? Und danach? Man hat nicht nur die Möglichkeit, zwischen den Schulformen zu wechseln und Auslandsjahre zu machen. Am Ende trifft man die vermutlich größte Entscheidung seines Lebens: Was will ich in der Zukunft machen? Man muss sich zwischen Ausbildung, Universität und Job entscheiden. Danach muss man sich für ein Feld entscheiden. Und hier gibt es schier endlose Auswahlmöglichkeiten gibt. Das ist für die meisten scheinbar eine lösbare Aufgabe. Man gibt nicht auf, weil man eine wichtige Entscheidung trifft.

    Jedoch ist man immer noch ein Jugendlicher. Man ist mental noch nicht ausgewachsen. Der Körper ändert sich noch genau so viel, wie Ziele und Prioritäten. Die einzige Information, die einen dann retten könnte, ist, wofür man sich interessiert. Wenn man sich für seine Interessen entscheidet, dann kann man eine richtige Entscheidung treffen. Es wirkt trivial, aber das heißt, dass man wissen muss, was einen Interessiert.

    Mein Fazit aus meiner Erfahrung und meinen Schlussfolgerungen ist folgendes: Für Eltern ist es wichtig, das Interesse und das Selbstbewusstsein des Kindes zu fördern. Das geht nie über Zwang, Stattdessen müssen sie den Schalter finden, der ihr Kind aktiviert


    BoysVoice

    Hier kommen die Jungs zu Wort. Bei Boys-Voice schreiben Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene über Themen die sie selber betreffen oder über die sie sprechen möchten. Von Problemen in der Schule, Erfahrungen aus Familie oder Freundeskreis bis zum eigenen Hobby, über alles kann geschrieben werden.

    Du hast selber ein Thema das dir unter den Nägeln brennt und möchtest darüber schreiben? Melde dich bei uns: sven@maenners.com

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