Auch wenn es weh tut

Zwischen Vater und Sohn kann es Konflikte geben, die nicht lösbar scheinen. Die Ursache kann ein Trauma sein. Die Frage dabei ist: um wessen Trauma handelt es sich? Denn manchmal kann das Trauma schon Jahrzehnte zurückliegen: familiäre Wunden vererben sich oft von Generation zu Generation. Bleiben sie im Verborgenen, hat das fatale Folgen. Wer sich daraus befreien will, muss das Schweigen brechen.

Von Sylvie-Sophie Schindler

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    Da ist der Sohn, der sich nicht verstanden fühlt. Da ist der Vater, der seinen Sohn verstehen will. Der verstehen will, warum der Sohn so aggressiv ist. Warum er so tobt und schreit. Warum er so außer sich gerät. Und auch, warum der Sohn sich an anderen Tagen völlig zurückzieht. Nichts von anderen wissen will. Weil alle blöd sind. Alle. Ohne Ausnahme. Und wehe, man wagt sich näher heran. Die Tür ist verschlossen, im doppelten Sinne. Und der Vater steht vor dieser Tür. Und fühlt sich hilflos. Hilflosigkeit ist ein scheußliches Gefühl.

         Mit diesem scheußlichen Gefühl kam eines Tages Kurt zu mir in die Beratung. Er erzählte mir von den Wutausbrüchen seines achtjährigen Sohnes Nicolas (beide Namen geändert). Wutausbrüche wie aus dem Nichts. Mehrmals täglich. Und massiv. „Ich kann´s mir nicht erklären, ich weiß einfach nicht, woher die kommen“, sagte er. Und klang hörbar erschöpft. Nachts könne er kaum mehr schlafen, seine Haare würden in Büscheln ausfallen. Wir kamen der Sache systemisch auf die Spur. Die Ausgangsfrage lautete: wo im Familiensystem liegt die Ursache für die Wutausbrüche von Nicolas?

        Es gibt Zusammenhänge, die offensichtlich sind. Etwa dass ein Kind auf die Trennung der Eltern mit Aggression reagiert, die mitunter über Monate oder auch Jahre anhalten kann. Und es gibt Zusammenhänge, die erstmal völlig im Dunkeln liegen. Die aber von Generation zu Generation  weiter vererbt werden.

    Der Fachbegriff lautet: Transgenerationale Weitergabe. Bedeutet: haben Menschen im Laufe ihres Lebens bestimmte belastende Situationen, oft handelt es sich um Traumata, nicht verarbeitet, so kann sich das auf die Nachkommen auswirken. Es zeigen sich dann von dem Großvater bis hin zu seinem Enkel ähnliche Verhaltensmuster oder von der Großmutter zur Enkelin oder auch „kreuz und quer“, denn das Erbe erfolgt nicht nur auf gleichgeschlechtlicher Linie. Es handelt sich nicht selten um Verhaltensmuster, die sich andere oft nicht erklären können. Und vor einem Rätsel stehen. Wie Kurt. Über die transgenerationale Traumaweitergabe wird in Deutschland erst seit den 1980er Jahren geforscht. Doch bereits Sigmund Freud sprach von „Gefühlserbschaften“. Er war überzeugt, dass es keiner Generation gelinge, unliebsame seelische Regungen vor der nächsten zu verbergen.

         Kurts Großvater, so fanden wir heraus, musste miterleben, wie seine Mutter, also Kurts Urgroßmutter, verblutete. Das war im Zweiten Weltkrieg. Und der Großvater, damals noch ein Kind, konnte nichts dagegen tun. Gar nichts. Man muss sich die Not dieses Jungen vorstellen. Und die unglaubliche Wut, die in ihm getobt haben musste. Wut auf das Leben, das so ungerecht war. Wut auf sich selbst, auf die eigene Hilflosigkeit. Es wird niemand daran zweifeln, dass diese Situation für diesen Jungen ein Trauma gewesen sein muss. Das unbearbeitet blieb. Da ist also eine Wut, die weiterwütet. Und sie wütete weiter in Kurts Vater, der als sehr jähzornig galt, und sie wütet heute in Kurts Sohn. Kurt selbst kann sich hingegen nicht erinnern, je besonders viel Wut mit sich herumgetragen zu haben. Was nicht ungewöhnlich ist: manchmal wird eine Generation übersprungen. Ebenso üblich ist: über die Traumata wird kaum oder gar nicht gesprochen. Wie das durchbrechen? Denn durchbricht man es nicht, führt das dazu, dass Betroffene der nachfolgenden Generation von ihrer transgenerationalen Traumatisierung nichts wissen. Zumindest nicht bewusst. Doch die Krux ist: auch Leiden, über das man keine Kenntnis hat, wirkt pathogen, also potentiell krankmachend.  

           Viele Betroffene spüren zwar, dass da „was ist“, aber sie können es nicht richtig greifen. Sie fühlen sich unter anderem „irgendwie leer“, werden schnell müde, haben depressive Verstimmungen, leiden unter Schlaflosigkeit, sind leicht reizbar, reagieren emotional über oder bilden psychosomatische Beschwerden aus, die chronisch werden können. Das kann natürlich auch ganz andere Ursachen haben. Oder anders ausgedrückt: sollten andere Ursachen ausgeschlossen werden können, dann spätestens ließe sich darüber nachdenken, wie es um das eigene transgenerationale Erbe bestellt ist – und damit auch um das der eigenen Kinder. Nochmal: solange es beschwiegen wird, gibt es keine Veränderung. Und so wütet, wie bei Kurts Sohn, beispielsweise eine Wut immer weiter und weiter. Durchbrechen kann das nur das Bewusstsein. Dadurch wird alles wieder an seinen richtigen Platz geordnet. Also: Das ist von früher, nicht von heute. Und: Das gehört zu Kurts Großvater, nicht zu seinem Sohn.

       Traumata werden jedoch nicht unbedingt eins zu eins übertragen. Kinder und Enkel übernehmen also nicht notwendigerweise die Aggressions- oder Angststörung eines Familienangehörigen, neigen aber, je nach Konstitution, zu einer erhöhten Aggression oder Ängstlichkeit. Diese innere Ausrichtung geschieht unbewusst – Kinder haben feine Antennen und erspüren gerade das, was man vor ihnen oder vor sich selbst verheimlichen will  – und kann auch, wie bereits erwähnt, zu bisweilen unerklärlichem Verhalten führen. So kann, um ein anderes Beispiel zu geben, das permanente Gefühl, nicht in Sicherheit zu sein, obwohl es dafür keinen erkennbaren Grund gibt, seinen Ursprung beispielsweise in der Flucht oder Vertreibung der Großeltern haben.     

           „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd“, beginnt die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf ihren im Jahr 1976 erschienen, autobiographisch geprägten Roman „Kindheitsmuster“, in dem sie sich dem alltäglichen Faschismus in der Zeit des Dritten Reiches stellt, die Zeit, in der sie aufgewachsen ist. Ein literarisches Kreuzverhör mit sich selbst. Um sich Klarheit zu verschaffen über die bisher unerkannten Muster, die sich in ihre Persönlichkeit eingeprägt haben. Doch nur die wenigsten unter uns werden Bücher schreiben, um das transgenerationale Erbe decodieren zu können. Sich überhaupt heranzuwagen, ist nicht leicht. Wer klärende Gespräche mit Familienmitgliedern sucht, wird oft abgewiesen. Denn immer noch gibt es in vielen Familien ein – meist unausgesprochen – verabredetes Schweigen über scham- und angstbesetzte Themen wie unter anderem früh verstorbene Kinder, Vergewaltigungen, Inzest, Heimeinweisungen, Gewaltverbrechen und Selbsttötungen einzelner Familienmitglieder.

         Leidensgeschichten stellen uns jedes Mal vor die Entscheidung: sollen wir hinsehen oder wegschauen? Für die österreichische Dichterin Ingeborg Bachmann gab es keinen Zweifel. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, lautet eines ihrer bekanntesten Zitate. Allein: die Wahrheit tut oft weh. Vielleicht denken wir, emotional nur überleben zu können, indem wir verdrängen. Vielleicht brauchen wir diesen Schutz für einige Zeit. Und vielleicht dachten auch unsere Eltern und Großeltern, uns schützen zu müssen. Kurt hat sich gegen die Verdrängung entschieden. Und sich der Wahrheit gestellt. Sich und Nicolas zuliebe. Ich habe ihn dabei begleitet. Wobei systemisches und therapeutisches Arbeiten sicher nicht der einzige Weg ist. Den ersten Schritt, sich an das transgenerationale Erbe heranzuwagen zu wollen, macht man ohnehin erstmal alleine. Ohne Mut geht es nicht. Nur zu, liebe Väter, traut euch. Und das gilt ebenso für die Mütter. Transgenerationalität geht uns alle an.

        Gut vier Monate nach der gemeinsamen systemischen Arbeit rief Kurt mich an. Seine Stimme klang munter. Nicolas sei „erstaunlich ausgeglichen“. Und wenn er wütend sei, dann wütend wie „Kinder nun mal sind“, etwa weil sie noch länger aufbleiben oder noch länger Fußball spielen wollen. Aber nicht mehr in seiner einst so vehementen Art, die oft wie aus dem Nichts gekommen war und mit der alle völlig überfordert waren. Und außerdem, so berichtete Kurt weiter, würden ihm, Kurt, die Haare nicht mehr in Büscheln ausfallen: „Sie wachsen sogar wieder.“


    Unsere Gastautorin Sylvie-Sophie Schindler ist pädagogisch ausgebildet und als Beraterin für Familien und Unternehmen tätig. Außerdem publiziert sie als Journalistin. Ihre Beiträge waren unter anderem zu lesen in Magazinen und Zeitungen wie „stern“, „NZZ“, „Tagesspiegel“, „Münchner Merkur“, „Vogue“ und „Galore“. Auf YouTube setzt sie sich mit ihrem Kanal „DAS GRETCHEN“ für den guten Dialog ein und spricht jede Woche mit einem Gast zu psychologischen und lebensphilosophischen Themen. Kontaktaufnahme unter sylvie-sophie@web.de


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