Zwischen Algorithmus und echter Männlichkeit: Die Identität von Jungen im digitalen Dschungel

Junge der in sein handy schaut

Hey, kennst du das? Du schaust abends ins Kinderzimmer und siehst nur noch den bläulichen Schimmer des Smartphones. Dein Sohn ist körperlich zwar da, aber sein Geist scheint in einer Welt zu sein, zu der du keinen Zutritt hast. Vielleicht hast du in letzter Zeit Sätze von ihm gehört, die so gar nicht nach ihm klingen: Sprüche über „Alpha-Männer“, über den Wert von Frauen oder über Erfolg, die dich stutzen lassen.

Du fragst dich: „Was tun, wenn mein Sohn nur noch am Handy hängt und wer prägt eigentlich gerade seine Werte?“

Als Jungencoach und jemand, der täglich mit Eltern und ihren Söhnen arbeitet, sehe ich diesen Trend massiv. Wir erleben gerade eine Generation, in der die Jungen-Erziehung vor einer völlig neuen Herausforderung steht. Weil die echte Welt oft keine klaren Antworten darauf gibt, was es heute bedeutet, ein „Mann“ zu sein, füllen andere diese Lücke der Jungs. Die Algorithmen leiten unsere Söhne direkt in die Arme der sogenannten Manosphere. Ohne, dass sie es wollen oder mitbekommen.

Warum hören Jungs auf Andrew Tate und ähnliche, oft toxische Influencer?

Das ist eine der häufigsten Fragen, die mir im Coaching und in der Beratung in diesem Zusammenhang gestellt wird. Um sie zu beantworten, müssen wir verstehen, was dort eigentlich passiert. Warum ist dieser Content für Jungen in der Pubertät und für die Pubertät von Jungs so verdammt sexy? Ganz einfach: Weil diese Männer ihnen etwas geben, das sie woanders oft vermissen, nämlich Orientierung und Bestätigung. Das ist genau das, was pubertierende Jungen leider so häufig vermissen.

In einer Welt, in der Jungs oft nur gesagt wird, was sie nicht sein dürfen (nicht zu wild, nicht zu laut, nicht dominant), kommen diese „Alpha-Influencer“ und sagen: „Du hast Potenzial! Du kannst stark sein! Du musst nur diszipliniert sein!“ Das ist wie Fast Food für die Seele. Es schmeckt im ersten Moment fantastisch, es sättigt den Hunger nach Anerkennung, gibt Orientierung. Aber auf Dauer macht es krank, emotional krank.

Warum hören Jungs auf Andrew Tate und seine Influencer Kumpanen? Weil er eine archaische Form von Männlichkeit predigt, die Erfolg, Geld und Macht verspricht. Er bedient die Sehnsucht, kein „Opfer“ zu sein. Dass hinter der glänzenden Fassade oft Frauenverachtung und emotionale Kälte stecken, merken die Jungs erst, wenn sie schon tief im Kaninchenbau stecken.

Der massive Einfluss der Manosphere auf Jungs

Wenn wir über den Einfluss der Manosphere auf Jungs sprechen, reden wir über ein ganzes Ökosystem. Es ist eine Weltanschauung, die besagt, dass Männer von der Gesellschaft (und Frauen) unterdrückt werden und sich ihren Status mit Härte zurückholen müssen. Diese digitalen Vorbilder nutzen eine uralte Mechanik: Sie verkaufen den Jungs das Bild eines modernen Kriegers. Sei hart, stähle deinen Körper, sein Diszipliniert, verzeihe nicht, zeig keine Gefühle und lass dir von Frauen nichts sagen.

Doch der Haken ist riesig und verdammt gefährlich. Sie verknüpfen wertvolle Tugenden wie Selbstdisziplin und Fitness schleichend mit einer gefährlichen „Wir-gegen-Die“-Mentalität. Als Coach sehe ich, wie das die Empathiefähigkeit unserer Jungs schleichend untergräbt. Sie lernen, dass Gefühle Schwäche sind und dass das Leben ein ständiger Kampf um Status ist. Das Ganze ist aber wie ein Kartenhaus. Mit dieser Einstellung ecken Jungen nämlich an, schaffen sich Gegner, kommen nicht wirklich weiter. Wenn dieses Kartenhaus dann beginnt zu wackeln und zusammenbricht, ist die Orientierungslosigkeit noch größer als vor ihren Ausflug in die Manosphere.

Umgang mit Pornografie in der Pubertät: Der stille Miterzieher

Ein Thema, das Eltern oft schlaflose Nächte bereitet, ist der Umgang mit Pornografie in der Pubertät von Jungen. Wir müssen hier Klartext reden: Pornos sind heute der stille Miterzieher im Kinderzimmer. Jungs konsumieren heute oft schon mit 11 oder 12 Jahren Bilder und Filme, die ihre Großväter ihr ganzes Leben lang nicht gesehen haben. Wenn du denkst, „Mein Sohn sicher nicht“, dann muss ich dich wahrscheinlich enttäuschen.

Spätestens ab der Geschlechtsreife konsumieren 70% der 14 bis 17 jährigen Jungs Pornos täglich bis wöchentlich zur sexuellen Stimulation. (WDR Quarks Studie).

Es gibt aber auch andere Quellen, die ganz andere Zahlen nennen. Das sind dann Quellen, in denen Jungen anonym ihr Pornokonsum und Masturbationsverhalten angeben können. Da sind es 87,7% der Jungen die auf pornografische Inhalte zur sexuellen Anregung zurückgreifen. (Jungsfragen-Pubertätsliste-2026 bei 130.000 erhobenen Daten)

Medienkonsum

Das Problem mit Pornos ist die neurologische Prägung. Das junge Gehirn ist in dieser Phase eine Baustelle. Wenn dort ständig 4K-inszenierte Höchstleistungen als Normalität verkauft werden, entsteht ein gewaltiger Druck. Die echte Welt, echte Mädchen und echte Intimität können da oft nicht mithalten. In Kombination mit den Botschaften aus der Manosphere entsteht ein Bild, in dem Frauen zu Objekten degradiert werden.

Wie rede ich mit meinem Sohn über Pornos? Das ist die Kernfrage. Es geht nicht um Verbote, sondern um Aufklärung. Wir müssen ihnen erklären, dass das, was sie dort sehen, so viel mit Sex zu tun hat wie ein Marvel-Film mit Physik. Es ist eine Performance, kein echtes Gefühl.

Tipp: Mehr zu diesem wichtigen Thema findest du in unserem Blogartikel „Warum dein Sohn wahrscheinlich schon Pornos gesehen hat – und wie du jetzt wirklich mit ihm reden kannst“ sowie in der Podcastfolge „Unsere Jungs #23: Wir müssen reden… über Pornos“ unseres BoysUp Podcasts.

Orientierungslosigkeit bei jungen Männern: Warum das Netz die Lücke füllt

Wir müssen uns klarmachen, dass unsere Jungs in einer Zeit aufwachsen, in der alte Rollenbilder, zum Glück, aufgebrochen sind. Aber häufig haben wir es versäumt, neue, gesunde und stabile Fundamente zu gießen. Dein Sohn sucht nach seiner Identität als Junge und Heranwachsender. Er will wissen: „Bin ich gut genug? Was macht mich zum Mann?“

Wenn er zu Hause oder in der Schule niemanden findet, der ihm das authentisch vorlebt, wird er zum „digitalen Selbstversorger“. Die Orientierungslosigkeit bei jungen Männern ist der Nährboden für toxische Vorbilder. Sie bieten einfache Antworten auf komplexe Lebensfragen. Stell dir das wie eine Wanderung im Nebel vor. Dein Sohn hat seinen Kompass verloren. Plötzlich taucht im Nebel jemand auf, der laut schreit: „Hier lang! Ich kenne den Weg zum Erfolg!“ Natürlich läuft er hinterher. Auch wenn er nicht weiß, wohin ihn der Weg tatsächlich führt. Oder, ob er dem „Jemand“ über haupt vertrauen kann. Ein Weg voller Fragen ist besser als gar kein Weg.

„Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ – Viktor Frankl

Wir müssen den Jungs helfen, ein eigenes, gesundes „Warum“ zu finden, das über die Anzahl der Follower oder den Bizepsumfang hinausgeht.

Wie schütze ich meinen Sohn vor toxischen Rollenbildern?

Das ist die Frage aller Fragen für uns Eltern: Wie schütze ich meinen Sohn vor toxischen Rollenbildern? Die Antwort ist simpel, aber nicht einfach: Beziehung vor Erziehung

Wenn der Draht zu deinem Sohn reißt, ist deine Chance gegen den Algorithmus der Onlinewelten eher gering. Hier sind drei konkrete Schritte, die wir auch im Coaching immer wieder erarbeiten:

  1. Interesse statt Verurteilung: Wenn du merkst, dass dein Sohn toxischen Influencern folgt, geh nicht sofort auf Konfrontation. Frag ihn: „Hey, was fasziniert dich an diesem Typen? Was von dem, was er sagt, findest du gut?“ Du musst verstehen, welchen Hunger dieser Influencer bei deinem Sohn stillt. Nur wenn du weißt, was ihm fehlt, kannst du ihm eine echte Alternative bieten.
  2. Medienkonsum der Kinder begleiten: Wir können sie nicht einsperren, aber wir können sie zu kritischen Denkern machen. Erkläre ihm, wie der Algorithmus funktioniert. Dass die App ihm immer mehr von dem zeigt, was er einmal angeklickt hat, um ihn in der App zu halten. Wie dein Sohn es schafft, seinen Medienkonsum zu begrenzen, erfährst du hier: In unserem Blogartikel „6 Schritte gegen die Handysucht deines Sohnes“ sowie in der Podcastfolge „Unsere Jungs #20: 6 Tipps zur Mediennutzung von deinem Sohn“ geht es genau um dieses Thema. Gern stellen wir dir hier auch unseren kostenfreien Download mit wertvollen Tipps rund um dieses Thema zur Verfügung. Du erhälst unsere INFO-PDF mit Tipps für weniger Mediennutzung deines Sohnes. Drucke sie dir am besten aus und gehe sie in Ruhe durch. Die Tipps sind 100 Fach erprobt und funktionieren.
  3. Echte Vorbilder für Jungen schaffen: Jungs brauchen Männer zum Anfassen. Männer, die zeigen, dass Stärke und Empathie keine Gegensätze sind. Wenn du als Vater (oder Mentor) zeigst, dass man(n) auch mal scheitern darf, dass man Gefühle zeigen kann und trotzdem ein „fester Kerl“ ist, dann entlarvt das die Plastik-Männlichkeit der Influencer ganz schnell.

Fazit: Den Kompass in der Jungen-Erziehung neu ausrichten

Liebe Mama, lieber Papa, lass dich nicht entmutigen. Ja, der Medienkonsum unserer Kinder und der Einfluss des Netzes sind eine Herausforderung, aber sie sind kein Schicksal. Dein Sohn ist im Kern immer noch der Junge, der deine Anerkennung sucht. Er will gesehen werden. Und zwar nicht für das, was er leistet, sondern für das, wer er ist. andere Art.

Hör auf, ihn als „Problem“ zu sehen. Er ist ein Entdecker in einer Welt, die verdammt unübersichtlich geworden ist. Sei du sein sicherer Hafen. Wenn der Sturm da draußen im Netz tobt, muss er wissen, dass er bei dir andocken kann, ohne verurteilt zu werden. Wir müssen die Identität von Jungen stärken, indem wir ihnen beibringen, dass wahre Stärke aus Integrität und Selbstkenntnis kommt, nicht aus der Abwertung anderer.

Männlichkeit ist keine Krankheit. Sie ist eine kraftvolle Energie, die Richtung braucht. Geben wir unseren Jungs diese Richtung zurück.

Möchtest du mehr darüber erfahren, wie du deinen Sohn in der Pubertät begleiten kannst? Dann schau dir meine Coaching-Angebote an oder erfahre in den Männers-Camps, wie wir Jungs helfen, zu stabilen und glücklichen Männern zu werden.

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