Inhalt
- Was passiert eigentlich, wenn junge Menschen das Gefühl bekommen, dass alle über sie entscheiden, aber kaum jemand mit ihnen spricht?
- Warum protestieren Jugendliche gerade jetzt?
- Wenn dein Sohn widerspricht: Muss ich mir Sorgen machen?
- Die Frage lautet deshalb: Wie bringst du deinem Sohn bei, respektvoll zu widersprechen?
- Warum Wut bei Jungen eine Botschaft sein kann
- Jugendproteste und Gewalt: Wo verläuft die Grenze?
- Was hat Mitbestimmung mit Selbstwirksamkeit zu tun?
- Wie lernt dein Sohn, seine Meinung zu vertreten?
- Was, wenn dein Sohn plötzlich extreme Parolen übernimmt?
- Was kannst du heute Abend mit deinem Sohn ausprobieren?
Am 31. Oktober gingen in zahlreichen deutschen Städten junge Menschen auf die Straße. Unter dem Motto „Gen Z regelt“ forderten sie unter anderem bessere Schulen, bezahlbares Leben und mehr Mitsprache bei Entscheidungen über ihre Zukunft. In einigen Städten kam es auch zu Ausschreitungen. Und schon waren sie wieder da, die üblichen Urteile über die Jugend. Zu laut. Zu wütend. Zu respektlos.
Mich interessiert an den Jugendprotesten 2026 eine andere Frage:
Was passiert eigentlich, wenn junge Menschen das Gefühl bekommen, dass alle über sie entscheiden, aber kaum jemand mit ihnen spricht?
Die Antwort ist für Eltern von Jungen ziemlich wichtig. Widerspruch kann ein Zeichen wachsender Selbstständigkeit sein. Dein Sohn lernt, eine eigene Haltung zu entwickeln. Entscheidend ist, ob er dabei auch lernt, anderen zuzuhören, Verantwortung zu übernehmen und Grenzen zu respektieren. Das beginnt lange vor seiner ersten Demonstration. Zum Beispiel an eurem Küchentisch.
Warum protestieren Jugendliche gerade jetzt?
Die Forderungen der Demonstrierenden waren unterschiedlich: mehr Investitionen in Bildung, bessere Zukunftschancen, Entlastung bei hohen Lebenshaltungskosten und Kritik an einer möglichen Wehrpflicht. Auch innerhalb der jungen Generation gibt es darüber unterschiedliche Meinungen. Einige Schülervertretungen distanzierten sich von der Organisation der Proteste und wollten eigene Wege gehen.
Genau diese Unterschiede sind wichtig. „Die Jugend“ ist keine einheitliche Gruppe. Genauso wenig wie „die Jungen“. Ein Sechzehnjähriger, der friedlich ein Plakat trägt, hat möglicherweise völlig andere Motive als jemand, der eine Schaufensterscheibe einschlägt.
Und trotzdem verbindet viele junge Menschen eine Frage:
Habe ich Einfluss auf das, was mit meinem Leben passiert?
Nach Auswertungen des Deutschen Jugendinstituts engagieren sich junge Menschen durchaus gesellschaftlich und politisch. Die Shell-Jugendstudie 2024 nennt dafür 40 Prozent der Zwölf- bis 25-Jährigen. Zugleich fühlt sich ungefähr die Hälfte der jungen Menschen politisch nicht ausreichend wahr- und ernst genommen.
Das ist eine ziemlich ungünstige Mischung. Interesse ist da. Der Eindruck, etwas bewirken zu können, fehlt häufig.
Wenn dein Sohn widerspricht: Muss ich mir Sorgen machen?
„Warum muss ich um neun zu Hause sein? Das ist doch bescheuert!“
Vielleicht kennst du solche Sätze. Du erklärst die Regel, dein Sohn argumentiert dagegen. Du wiederholst sie. Er wird lauter. Und irgendwann diskutiert ihr über seinen Tonfall, obwohl es ursprünglich um die Uhrzeit ging.
Natürlich kann das anstrengend sein. Vor allem nach einem Arbeitstag, an dem du bereits mit zwölf anderen Menschen diskutieren musstest und deine persönliche Debattenkapazität ungefähr auf dem Niveau einer leeren Zahnpastatube liegt.
Aber schau genauer hin: Dein Sohn versucht möglicherweise gerade, eine Entscheidung zu beeinflussen, die ihn betrifft.
Er prüft deine Argumente. Er entdeckt, dass er eigene Interessen hat. Und er möchte ernst genommen werden.
Das gehört zur Entwicklung von Autonomie. Autonomie bedeutet, zunehmend selbstbestimmt zu handeln und Verantwortung dafür zu tragen.
Ein Junge kann dabei weiterhin auf seine Eltern angewiesen sein. Selbstständigkeit entsteht schließlich auch durch gute Begleitung.
Die Frage lautet deshalb: Wie bringst du deinem Sohn bei, respektvoll zu widersprechen?
Indem du es zulässt. Und gleichzeitig deutlich machst, dass Beleidigungen, Drohungen und Gewalt keine akzeptablen Mittel sind.
Warum Wut bei Jungen eine Botschaft sein kann
Ein Junge erlebt eine Ungerechtigkeit. Vielleicht wurde er bei der Mannschaftswahl übergangen. Vielleicht fühlt er sich vom Lehrer unfair behandelt. Vielleicht hat er das Gefühl, seine Meinung zähle zu Hause ohnehin nichts.
Was passiert?
Manche Jungen werden laut. Andere ziehen sich zurück. Wieder andere machen einen blöden Spruch, weil sie ihre Enttäuschung lieber hinter Humor verstecken.
Wut kann anzeigen, dass eine Grenze überschritten wurde, ein Bedürfnis unerfüllt bleibt oder jemand sich ohnmächtig fühlt. Sie kann aber auch aus Überforderung, Scham oder einer falschen Einschätzung entstehen. Aus einem Gefühl allein lässt sich die Ursache nicht sicher ablesen.
Deshalb ist die Frage „Was macht dich daran so wütend?“ oft hilfreicher als „Jetzt beruhig dich endlich!“
Das heißt keineswegs, dass dein Sohn mit jeder Beschwerde recht hat. Vielleicht war die Entscheidung des Lehrers vollkommen nachvollziehbar. Vielleicht ist eure Ausgangsregel sinnvoll. Aber seine Perspektive verdient zunächst Gehör.
Ein Gefühl darf da sein. Was ein Mensch daraus macht, bleibt seine Verantwortung.
Jugendproteste und Gewalt: Wo verläuft die Grenze?
Bei den Demonstrationen am 31. Oktober blieben viele Kundgebungen friedlich. In einzelnen Städten kam es zu Sachbeschädigungen, Angriffen auf Einsatzkräfte und anderen Ausschreitungen. Das muss klar benannt werden.
Ebenso wichtig ist es, friedliche Teilnehmende nicht pauschal für die Taten anderer verantwortlich zu machen.
Ein Junge sollte früh lernen, diesen Unterschied zu verstehen.
Du kannst dich gegen eine Entscheidung wehren. Du darfst laut sein. Du darfst eine Demonstration besuchen, Kritik äußern, Unterschriften sammeln und dich mit anderen organisieren. All das kann Teil demokratischer Beteiligung sein.
Du darfst dabei keinen Menschen verletzen oder bedrohen. Auch die Zerstörung fremden Eigentums wird durch ein berechtigtes Anliegen nicht plötzlich in Ordnung.
Und hier wird es interessant: Wenn Erwachsene jeden Widerspruch als Respektlosigkeit abtun, fehlt Jungen möglicherweise ein Übungsraum für konstruktiven Konflikt.
Wenn Erwachsene dagegen jedes Verhalten mit Frust entschuldigen, fehlt ihnen die Orientierung.
Beides hilft wenig.
Stärke zeigt sich auch darin, die eigene Überzeugung zu vertreten, ohne andere kleinzumachen.
Was hat Mitbestimmung mit Selbstwirksamkeit zu tun?
Selbstwirksamkeit bedeutet: Ich erlebe, dass mein Handeln etwas verändern kann.
Das kann ein Junge beim Sport erfahren, wenn sich sein Training auszahlt. Beim gemeinsamen Bauen, wenn seine Idee tatsächlich funktioniert. Oder in der Familie, wenn ein guter Vorschlag von ihm umgesetzt wird.
In der Schule scheint das nicht immer zu gelingen.
Im Deutschen Schulbarometer 2026 glaubten 43 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler nicht, dass ihre Schülervertretung Einfluss auf das Geschehen an der Schule hat.
Stell dir vor, du darfst wählen, Vorschläge machen und Sitzungen besuchen. Und am Ende verändert sich gefühlt nichts.
Wie lange hättest du noch Lust, dich einzubringen?
Das Deutsche Jugendinstitut betont deshalb, wie wichtig echte Beteiligungsmöglichkeiten sind. Kinder und Jugendliche brauchen Erwachsene, die bereit sind, altersgerecht Entscheidungsmacht zu teilen und nachvollziehbar zu erklären, was aus ihren Vorschlägen wird.
Das gilt auch zu Hause. Dein Sohn merkt ziemlich schnell, ob „Wir entscheiden gemeinsam“ wirklich etwas bedeutet oder lediglich die freundliche Verpackung für „Ich habe längst entschieden“ ist.
Wie lernt dein Sohn, seine Meinung zu vertreten?
Beginne mit überschaubaren Entscheidungen.
Lass deinen Sohn den Familienausflug mitplanen. Gib ihm ein echtes Budget, wenn er für einen gemeinsamen Abend einkaufen soll. Lass ihn Vorschläge für eine Regel machen, die euch beide betrifft.
Und dann halte aus, dass sein Vorschlag vielleicht anders aussieht als deiner.
Natürlich gibt es Entscheidungen, bei denen du als Elternteil die Verantwortung trägst. Sicherheit, Gesundheit und der Schutz anderer sind keine beliebig verhandelbaren Fragen. Aber du kannst erklären, weshalb eine Grenze besteht, und ihm dort Spielraum geben, wo es möglich ist.
Ein Beispiel: Die Schlafenszeit bleibt an Schultagen verbindlich. Dein Sohn kann mitentscheiden, wie er die letzte halbe Stunde gestaltet und was ihm beim Abschalten hilft. Oder ihr streitet über das Handy. Dann frage ihn, was aus seiner Sicht eine faire Vereinbarung wäre. Hör zu. Erkläre deine Sorgen. Sucht einen überprüfbaren Kompromiss.
So lernt er etwas, das auch Demonstrierende, Politiker und Erwachsene dringend brauchen: Interessen vertreten, andere Perspektiven prüfen und tragfähige Lösungen finden.
Was, wenn dein Sohn plötzlich extreme Parolen übernimmt?
Mit zunehmendem Alter begegnen Jungen politischen Meinungen, provokanten Videos und Gruppen, in denen einfache Antworten besonders attraktiv wirken können. Manche Sprüche werden aus Überzeugung wiederholt. Andere dienen dazu, Aufmerksamkeit zu bekommen oder Zugehörigkeit zu demonstrieren.
Wenn dein Sohn etwas Menschenverachtendes sagt, braucht es eine klare Grenze. Die Würde anderer Menschen ist kein Verhandlungsspiel.
Aber bevor du ihn mit einem halbstündigen Vortrag überrollst, frag: „Was meinst du damit genau?“ Oder: „Woher hast du diese Behauptung?“
Lass ihn erklären. Prüft Informationen gemeinsam. Frag, wen die Aussage verletzt und welche Folgen sie haben könnte. Unterscheide zwischen berechtigter Kritik an politischen Entscheidungen und der Abwertung ganzer Menschengruppen.
Bei anhaltender Gewaltverherrlichung, konkreten Drohungen oder einer zunehmenden Hinwendung zu extremistischen Gruppen solltest du früh fachliche Beratung einbeziehen.
Ein guter Gesprächspartner muss nicht jeder Meinung zustimmen. Er bleibt trotzdem ansprechbar.
Was kannst du heute Abend mit deinem Sohn ausprobieren?
Stell ihm eine ungewöhnliche Frage: „Wenn du bei uns zu Hause eine Regel ändern dürftest, welche wäre das?“
Dann kommt vielleicht: „Handy unbegrenzt!“
Wunderbar. Jetzt beginnt die eigentliche Übung.
Frag nach seinem Grund. Bitte ihn, die Folgen seiner Idee zu bedenken. Erkläre deine Sicht. Und gib ihm anschließend die Aufgabe, einen Vorschlag zu entwickeln, mit dem beide Seiten leben können.
Vielleicht kommt ihr zu einer Lösung. Vielleicht auch nicht.
Dann sag ehrlich, warum du vorerst entscheidest, und wann ihr die Frage erneut besprecht.
So erlebt dein Sohn: Ich werde gehört. Ich darf widersprechen. Ich kann etwas bewegen. Und ich muss Verantwortung für mein Handeln übernehmen.
Bei Boys-Up geht es genau darum, Jungen auf dem Weg zu selbstbewussten, freien und respektvollen Männern zu begleiten. Auch beim Boys-Up Coaching und bei Männers schaffen wir Gelegenheiten, in denen Jungen Verantwortung übernehmen, ihre Grenzen kennenlernen und erleben, dass ihre Stimme zählt.
Die Jugendproteste erinnern uns an etwas, das im Familienalltag leicht untergeht: Wer später Haltung zeigen soll, braucht heute Gelegenheit, Haltung zu entwickeln.
Also hör hin, wenn dein Sohn widerspricht.
Vielleicht beginnt genau dort etwas Wertvolles.
Jeder Junge verdient es, gesehen und respektiert zu werden.
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Anton Wieser
Ich heiße Anton Wieser und bin in Kitzbühel geboren. Ich bin stolzer Vater von zwei fantastischen Kindern - unserer Tochter Lily und unserem Sohn Max. Zusammen mit meiner wundervollen Frau und den Kids lebe ich im malerischen Kitzbühel in Tirol. Meine Berufung: Väter und Söhne mit der kraftvoll wirksamen Kombination aus Erlebnis, Abenteuer und Coaching dabei zu unterstützen, eine langfristig herzliche und tragende Verbindung zueinander aufzubauen!