Der Hass kommt im Hochformat: Radikalisierung bei Jugendlichen nach dem CSD-Anschlag

Der Anschlag auf den Berliner CSD erschüttert Deutschland. Ein 21-jähriger Tatverdächtiger soll am Samstagabend mit einem Fahrzeug in eine Menschenmenge gefahren sein; eine Frau starb, 29 Menschen wurden verletzt. Für Eltern stellt sich damit eine unbequeme Frage: Wie beginnt Radikalisierung bei Jugendlichen, besonders bei Jungen in der Pubertät? Was geschieht zwischen einem 12-jährigen Jungen, der Zugehörigkeit sucht, einem 13-jährigen Jungen, der im Netz auf klare Feindbilder stößt und einem jungen Mann, der tödlich Gewalt als Auftrag sieht? Denn die wichtigste Form von Prävention beginnt lange vor dem Polizeieinsatz.

Der Anschlag in Berlin und die Frage hinter der Nachricht 

Am späten Samstagabend fuhr nach bisherigen Erkenntnissen ein weißer Kastenwagen im Berliner Tiergarten in eine Menschenmenge. Eine Frau kam ums Leben, 29 Menschen wurden verletzt. Die Polizei stellte am Sonntag einen 21-jährigen Tatverdächtigen, der beim Einsatz tödlich verletzt wurde. Laut Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung war der junge Mann den Sicherheitsbehörden seit seinem 16. Lebensjahr bekannt und als islamistischer Gefährder eingestuft. Die Ermittlungen laufen weiter, einzelne Abläufe und Motive bleiben Gegenstand der Aufklärung.

Solche Nachrichten ziehen uns den Boden unter den Füßen weg. Sie sind zugleich unfassbar und dennoch bedrückend nah. Ein Auto, ein öffentlicher Ort, Menschen, die feiern, tanzen, sichtbar sein wollen. Dann Sirenen, Absperrbänder und eine Gesellschaft, die am nächsten Morgen mit derFrage aufwacht: Wie wird aus einem Jungen ein junger Mann, der in anderen Menschen Feinde erkennt?

Die Antwort auf diese Frage muss überlegt sein, sie sollte reifen und auf keinen Fall aus der Hüfte geschossen werden. Und schon gar nicht aus Wut, Hass oder Rache entstehen. Radikalisierung wächst selten wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Und dennoch ist sie da. Leider offensichtlich. Und…, sie betrifft nicht nur radikale Islamisten, sondern auch Jungen jedes Glaubens und jeder Sozialisierung. Vielleicht nicht so radikal, aber es lohnt sich dennoch hinzuschauen.

Warum Jungen nach Klarheit hungern

Jungen in der Pubertät suchen ihren Platz in der Welt meist leise. Erwachsene bemerken oft erst, dass ihr Sohn auf der Suche ist, wenn bereits die Zimmertür fliegt. Ein 12-jähriger Junge fragt sich vielleicht, in welcher Gruppe er dazugehört. Ein 13-jähriger Junge prüft möglicherweise, wer in seinem Umfeld seinen Respekt verdient. Ein 15-Jähriger will Bedeutung spüren, Stärke zeigen und seine Richtung finden. Diese Suche gehört zum Erwachsenwerden.

Extremistische Ideologien docken genau an diesen Entwicklungsaufgaben an. Forschungsergebnisse der Bundeszentrale für politische Bildung zeigen, dass radikale Gruppen jungen Menschen Eindeutigkeit, Identität, Anerkennung, Gruppenzugehörigkeit und das Gefühl von Handlungsmacht anbieten. Dazu kommen Action, Provokation und die berauschende Idee, zu einem exklusiven Kreis der Wissenden zu gehören.

Für einen Jungen, der sich klein, übersehen, beschämt oder orientierungslos erlebt, kann so eine Botschaft entstehen, die einfache Antworten auf sehr komplizierte Fragen verspricht. Diese Gedanken versprechen Macht, Zugehörigkeit und Stärke. Plötzlich erklärt jemand die Welt in drei Sätzen. Plötzlich trägt jedes Problem den Namen eines Feindes. Plötzlich verwandelt sich Unsicherheit in Wut und Wut in vermeintliche Stärke.

Radikalisierung entsteht dabei aus einem Bündel von Einflüssen: biografische Krisen, Kränkungen, Diskriminierungserfahrungen, ein schwacher Selbstwert, soziale Isolation, die Suche nach Zugehörigkeit und eine Ideologie, die für all diese schmerzenden Wunden ein wirksames Pflaster bereit hält. Genau deshalb braucht pubertäre Begleitung einen Blick auf den ganzen Jungen. Die Forschung betont zugleich, dass Radikalisierungswege komplex verlaufen und mehrere persönliche, soziale und ideologische Faktoren zusammenwirken.

Das Smartphone als Rekrutierungsraum

Früher musste ein Jugendlicher eine bestimmte Gruppe finden. Heute findet die Gruppe den Jungen. Botschaften kommen als Video, Meme, Kommentar, Gaming-Chat oder scheinbar cooler Influencer direkt aufs Display. Der Prediger trägt Hoodie, spricht Jugendsprache, kennt aktuelle Sounds und liefert auf komplizierte Fragen Antworten, die in eine Bildschirmsekunde passen.

Jugendschutz.net beschreibt, wie islamistische Influencer auf Instagram, TikTok und YouTube mit jugendaffinen Trends Reichweite gewinnen und dabei frauenfeindliche, queerfeindliche, demokratiefeindliche sowie israelfeindliche Botschaften verbreiten. Der Verfassungsschutz beobachtet vergleichbare digitale Ansprachen auch im Rechtsextremismus. Der ideologische Anstrich wechselt, das Grundmuster bleibt ähnlich: Ein junger Mensch erhält Zugehörigkeit, Aufwertung und ein Feindbild im praktischen Taschenformat.

Plattformen leben von Aufmerksamkeit. Ihre Algorithmen bevorzugen häufig Inhalte, die starke Gefühle wie Empörung, Angst, Scham oder Bewunderung auslösen. Wer ein aufwühlendes Video lange ansieht, bekommt oft mehr davon. Aus einem Clip werden zehn, aus zehn Clips entsteht eine Welt, und diese Welt wirkt irgendwann klarer als das komplizierte Leben in der Schule, mit den Peers und am Küchentisch mit den Eltern. Das Smartphone wird so zum Trainingsraum für Schwarz-Weiß-Denken, während Nuancen, Zweifel und Mitgefühl langsam aus dem Rand des Bildschirms rutschen.

Junge der in sein handy schaut

 

Woran Eltern eine gefährliche Verengung erkennen können

Pubertät geht oft einher mit Rückzug, starken Gefühle, Provokationen und neue Zugehörigkeiten in sozialen Gruppen. Eine gefährliche Entwicklung zeigt sich vor allem durch Häufung von befremdlichen Verhalten, Beschleunigung von Situationen und offensichtlicher Verhärtung. Die Sprache wird absolut. Menschengruppen erscheinen plötzlich minderwertig oder schuldig. Gewalt bekommt einen heroischen Glanz. Alte Freunde gelten als schwach oder verdorben. Der Junge übernimmt starre Begriffe, geheime Codes und fertige Sätze, die wie aus einem fremden Drehbuch klingen.

Entscheidend bleibt der Blick auf die Beziehung. Erreichst du deinen Sohn noch? Kann er Zweifel zulassen? Hält er andere Perspektiven aus? Spürt er Mitgefühl für konkrete Menschen? Erzählt er, wer ihm online Orientierung gibt? Fragen dieser Art öffnen Türen, während Verhöre häufig Rollläden herunterlassen.

Eltern brauchen dabei eine klare Haltung und ein offenes Ohr zur selben Zeit: Die Menschenwürde ist unantastbar. Gewalt verdient keinen Heldenstatus. Queere Menschen, Frauen, religiöse Gruppen und politische Gegner bleiben Menschen mit derselben Würde. Gleichzeitig darf dein Sohn erzählen, welche Kränkung, Angst oder Sehnsucht hinter seinen Worten steckt.

Wer nur gegen seine Ideologie diskutiert, kratzt oft nur an der Oberfläche. Wer den verletzten Stolz, die Einsamkeit und den Hunger nach Bedeutung erkennt, erreicht den Jungen. Die Forschung empfiehlt deshalb, Anerkennung, Bindung, Zugehörigkeit und unterschiedliche Sichtweisen zu stärken und die individuellen Lebensfragen des Jugendlichen ernst zu nehmen.

Jungen brauchen echte Männer, die Stärke vorleben

Viele radikale Angebote verkaufen ein Zerrbild von Männlichkeit: hart, überlegen, gehorsam, kampfbereit, emotional verengt. Diese Figur wirkt auf manche Jungen wie ein Ritter in glänzender Rüstung. Beim genaueren Hinsehen steckt darin häufig ein junger Mensch, der seine Unsicherheit unter Metallplatten versteckt.

Reife Männlichkeit zeigt eine andere Kraft. Sie hält Widersprüche aus, schützt Schwächere, übernimmt Verantwortung, bleibt gesprächsfähig und bewahrt Würde im Konflikt. Jungen lernen diese Haltung durch Männer, die sie erleben können: Väter, Trainer, Lehrer, Mentoren und Begleiter.

Ein Junge braucht Menschen, die seinen Wunsch nach Stärke ernst nehmen und ihm zugleich zeigen, dass Stärke und Mitgefühl zusammenpassen, sogar zusammen gehören Ein pubertierender Junge braucht Aufgaben, an denen er wachsen kann, eine Gemeinschaft, in der er Bedeutung erlebt und Erwachsene, die auch dann erreichbar bleiben, wenn seine Sprache plötzlich hart und unbarmherzig klingt.

Genau hier beginnt Prävention im Alltag. Beim gemeinsamen Abendessen. Auf einer Autofahrt. Nach einem verstörenden Video. Während eines Streits über Politik, Religion, Sexualität oder Zugehörigkeit.

Ein guter Satz kann lauten:  „Erzähl mir, was daran für dich überzeugend wirkt.“ Danach folgt echtes Zuhören. Dann die Frage nach der Quelle, nach dem Gefühl, nach den Menschen hinter dem Feindbild und nach der Wirkung von Gewalt.

 

Was der CSD-Anschlag uns als Eltern abverlangt

Der Anschlag traf Menschen im Umfeld des CSD und damit einen Ort queerer Sichtbarkeit. Für Eltern von Jungen liegt darin ein klarer Auftrag: Wir begleiten unsere Söhne in eine Männlichkeit, die Vielfalt tragen kann, die Hass erkennt und die Menschen schützt.

Sprich mit deinem Sohn über Berlin. Frage ihn, welche Bilder er gesehen hat, welche Kommentare in seinem Feed auftauchen und wie er das Geschehen einordnet. Gib ihm Raum für Verwirrung, Wut und Fragen. Zeige ihm zugleich deine Haltung: Jeder Mensch verdient Würde. Gewalt zerstört. Mut schützt Leben.

Unsere Jungen suchen Richtung. Sie suchen Bedeutung. Sie suchen Männer und Frauen, deren Worten sie vertrauen können. Sobald wir ihnen echte Zugehörigkeit, Verantwortung und Selbstwirksamkeit anbieten, verliert der digitale Hass einen Teil seiner Anziehungskraft.

Prävention beginnt deshalb weit vor Polizei, Gericht und Nachrichtensendung. Sie beginnt dort, wo ein Junge erlebt: Ich werde gesehen. Ich gehöre dazu. Meine Stärke dient dem Leben.

So auch in den Männers-Camps. Auch dort ist einer der wichtigsten Aufgaben, jeden Jungen mit seinen Herausforderungen, Stärken und Eigenarten respektvoll zu begegnen. Das merken sie, dass es hier anders ist, sie gesehen werden und respektiert. Überzeuge Dich selbst, schnapp dir dienen Sohn und verbringe ein Wochenende oder mehr zusammen mit deinem Sohn bei Männers-Urlaub mit deinem Sohn. Weil, jeder Junge verdient es gesehen und respektiert zu werden. Auch dein Sohn

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