Inhalt
- Wenn Gewalt zum Vorbild wird: Was der Schwertangriff in Schweden über Jungen und ihre Online-Welt erzählt
- Der Schwertangriff in Schweden und die Suche nach dem Warum
- Warum Gewalt für manche Jungen faszinierend werden kann
- Jungen und Social Media: Wenn der Algorithmus immer weiterfüttert
- Woran Eltern eine gefährliche Verengung erkennen können
- Jungen brauchen Männer, die Stärke anders vorleben
- Was du heute mit deinem Sohn tun kannst
Nach dem tödlichen Schwertangriff an einer schwedischen Schule untersucht die Polizei die Online-Aktivitäten des 18-jährigen Tatverdächtigen. Für Eltern stellt sich damit eine größere Frage: Was passiert, wenn Jungen Gewalt im Netz immer wieder sehen, feiern und irgendwann als Teil einer eigenen Identität begreifen?
Wenn Gewalt zum Vorbild wird: Was der Schwertangriff in Schweden über Jungen und ihre Online-Welt erzählt
Am Freitag, dem 21. August, betritt ein 18-Jähriger mit einem Schwert eine Schule im schwedischen Fagersta. Eine 17-jährige Schülerin stirbt, zwei Jungen werden schwer verletzt. Der mutmaßliche Täter wird festgenommen.
Und während Polizei und Staatsanwaltschaft versuchen herauszufinden, warum ein junger Mann zu einer solchen Tat fähig ist, taucht eine Spur auf, bei der Eltern von Jungen in der Pubertät genauer hinschauen sollten: Die Ermittler untersuchen Online-Aktivitäten und ein TikTok-Konto, auf dem offenbar frühere Gewalttaten und Schulmassaker thematisiert wurden. Ob und welche Rolle diese Inhalte für die Tat gespielt haben, ist derzeit offen.
Und dennoch lohnt sich die Frage.
Was macht Gewalt mit Jungen, wenn sie ihnen im Internet immer wieder begegnet? Was geschieht, wenn aus Anschauen irgendwann Bewunderung wird? Und wie erkennst du als Mutter oder Vater, ob dein Sohn gerade einfach pubertär provoziert oder ob sich seine Gedankenwelt gefährlich verengt?
Der Schwertangriff in Schweden und die Suche nach dem Warum
Die Fakten sind erschütternd. Gegen 14 Uhr geht bei der Polizei der Alarm ein. Ein junger Mann ist mit einem Schwert in der Brinellschule unterwegs. Rund 400 bis 500 Schüler befinden sich zu diesem Zeitpunkt im Gebäude. Wenige Minuten später greift die Polizei ein. Eine 17-Jährige stirbt, zwei minderjährige Jungen werden schwer verletzt.
Der Verdächtige ist 18 Jahre alt und war früher selbst Schüler der Schule. Nach schwedischen Medienberichten war er bereits wegen Körperverletzung verurteilt worden. Die Polizei untersucht nun auch seine Aktivitäten im Netz. Ein TikTok-Konto, das ihm möglicherweise zugeordnet werden kann, soll kurz vor der Tat das Bild eines Schwertes veröffentlicht haben. Auf demselben Konto fanden sich laut Medienberichten Hinweise auf frühere Gewalttaten. Die Ermittlungen laufen. Das Motiv ist bislang ungeklärt.
Genau dieser letzte Satz ist wichtig.
Denn nach solchen Taten beginnt sofort die Suche nach einer einfachen Erklärung. Computerspiele. TikTok. Mobbing. Psychische Probleme. Die Eltern. Die Schule. Irgendjemand muss doch schuld sein.
So einfach funktioniert menschliches Verhalten selten. Schon gar nicht bei Gewalt. Und trotzdem dürfen wir hinschauen.
Warum Gewalt für manche Jungen faszinierend werden kann
Vielleicht kennst du das von deinem Sohn. Mit elf, zwölf oder dreizehn Jahren werden Videos plötzlich interessant, bei denen du dich fragst, warum man sich so etwas freiwillig anschaut. Fails. Kämpfe. Unfälle. Militärvideos. Horror. True Crime. Einer schickt dem anderen etwas, der nächste legt noch einen drauf.
„Boah, schau dir das an!“
Für viele Jungen bleibt genau das, was es ist: Neugier, Grenzerfahrung, ein bisschen pubertäres Kräftemessen und die spannende Frage, wer beim ekligsten Video zuerst wegschaut.
Bei manchen Jungen kommt etwas anderes dazu.
Gewalt kann Bedeutung vermitteln. Macht. Kontrolle. Aufmerksamkeit. Vor allem dann, wenn ein Junge sich im echten Leben klein, gedemütigt, ausgeschlossen oder wirkungslos erlebt. Der Junge, den in der Schule kaum jemand wahrnimmt, kann online plötzlich Teil einer Gruppe sein. Der Junge, der sich schwach fühlt, entdeckt Figuren, die scheinbar mächtig sind. Der Junge, der voller Wut steckt, findet Menschen, die ihm erklären, gegen wen sich diese Wut richten soll.
Das bedeutet keine automatische Entwicklung zur Gewalt. Millionen Jungen sehen verstörende Inhalte und werden niemals gewalttätig. Entscheidend ist das Zusammenspiel vieler Faktoren: Persönlichkeit, psychische Verfassung, Beziehungen, Erfahrungen mit Ausgrenzung oder Gewalt, Peergroup, familiäre Bindung und eben auch die digitale Welt.
Jungen und Social Media: Wenn der Algorithmus immer weiterfüttert
Hier wird es spannend. Denn TikTok, YouTube, Instagram und andere Plattformen reagieren darauf, was dein Sohn anschaut. Bleibt er länger bei einem bestimmten Inhalt hängen, interagiert er damit oder sucht ähnliche Videos, lernt das System: Mehr davon.
Aus einem Video werden zehn.
Aus zehn Videos wird ein Feed.
Und aus einem Feed kann irgendwann der Eindruck entstehen: Alle denken so.
Gerade für Jungen in der Pubertät ist das relevant. In dieser Lebensphase werden Zugehörigkeit, Status, Anerkennung und die Frage „Was für ein Mann will ich eigentlich sein?“ zunehmend wichtig. Digitale Medien liefern darauf Antworten. Rund um die Uhr. Manche davon sind großartig. Andere verkaufen Härte als Stärke, Frauenverachtung als Männlichkeit, Hass als Mut und Gewalt als Lösung.
Eine aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeit zur digitalen Mediennutzung bei Jungen und jungen Männern beschreibt genau diese Verbindung zwischen Online-Welten, Männlichkeitsbildern und der sogenannten Manosphere. Eine weitere aktuelle Studie findet Zusammenhänge zwischen Social-Media-Nutzung, traditionellen Männlichkeitsnormen und Aggression. Solche Zusammenhänge erklären einzelne Gewalttaten nicht. Sie zeigen jedoch, wie wichtig die digitale Sozialisation von Jungen geworden ist.
Denn dein Sohn wächst heute mit mehr männlichen Vorbildern in seiner Hosentasche auf, als frühere Generationen in einem ganzen Dorf kennenlernen konnten.
Die Frage lautet: Welche davon erreichen ihn?
Woran Eltern eine gefährliche Verengung erkennen können
Ein 13-jähriger Junge darf provozieren. Er darf Grenzen testen. Er darf Dinge sagen, bei denen du kurz überlegst, ob du ihn wirklich selbst großgezogen hast. Pubertät eben.
Spannend wird die Entwicklung, wenn sich mehrere Dinge gleichzeitig verändern. Dein Sohn zieht sich massiv zurück. Seine Sprache wird immer radikaler. Bestimmte Menschen werden pauschal abgewertet. Gewalt bekommt plötzlich etwas Bewundernswertes. Täter werden zu Helden. Er beschäftigt sich intensiv mit früheren Anschlägen oder Gewalttätern und übernimmt deren Sprache, Symbole oder Codes. Vielleicht verliert er gleichzeitig Freunde, schläft schlechter, wird aggressiver oder wirkt innerlich immer enger.
Dann lohnt sich das Gespräch.
Und zwar früh.
Frag deinen Sohn: „Was fasziniert dich daran?“
Frag: „Was glaubst du, warum dieser Typ so viele Fans hat?“
Frag: „Was bedeutet Stärke für dich?“
Und dann hör zu.
Das klingt banal. Ist es aber nicht. Denn viele Erwachsene beginnen solche Gespräche bereits mit der fertigen Antwort im Kopf. Jugendliche merken das ungefähr drei Sekunden nach Gesprächsbeginn. Dann geht die Tür zu. Manchmal wortwörtlich.
Jungen brauchen Männer, die Stärke anders vorleben
Vielleicht liegt genau hier eine der wichtigsten Aufgaben in der Begleitung von Jungen.
Wir sollten ihnen zeigen, dass Stärke viele Gesichter hat.
Ein starker Mann kann kämpfen. Und er kann aufhören zu kämpfen. Er kann Grenzen setzen. Er kann Verantwortung übernehmen. Er kann Angst haben und trotzdem handeln. Er kann einen Freund verteidigen, einen Fehler zugeben, Hilfe holen und einem Menschen respektvoll begegnen, dessen Leben vollkommen anders aussieht als sein eigenes.
Jungen brauchen solche Männer in echt.
Väter. Trainer. Lehrer. Onkel. Mentoren. Begleiter.
Menschen aus Fleisch und Blut, die einem Jungen zeigen, dass Männlichkeit größer ist als das, was irgendein Algorithmus in 20 Sekunden zwischen zwei Videos quetscht.
Denn genau das kann digitale Radikalisierung schwächen: echte Zugehörigkeit. Echte Beziehungen. Echte Aufgaben. Das Gefühl, gebraucht zu werden und etwas bewirken zu können.
Was du heute mit deinem Sohn tun kannst
Sprich mit ihm über die Tat in Schweden. Vor allem dann, wenn sie ohnehin in seinem TikTok-Feed oder in seiner Klassengruppe auftaucht.
Frag ihn, was er darüber weiß. Welche Videos kursieren? Welche Kommentare findet er lustig, verstörend oder vielleicht sogar nachvollziehbar? Kennt er Accounts, auf denen Gewalttäter gefeiert werden? Was denkt er über Männer, die mit Gewalt Macht demonstrieren?
Du musst daraus keinen pädagogischen Elternabend am Küchentisch machen. Ein Gespräch im Auto reicht manchmal. Beim Wandern. Beim Essen. Nebenbei.
Und vielleicht ist genau dieses Nebenbei wichtiger, als wir glauben.
Denn Jungen erzählen oft dann, wenn wir gerade gemeinsam etwas tun. Wenn kein Erwachsener mit dem Gesichtsausdruck eines Kriminalkommissars gegenüber sitzt. Wenn Beziehung da ist.
Genau deshalb schaffen wir auch bei Boys-Up und in unseren Männers-Camps Räume, in denen Jungen mit Männern ins Gespräch kommen, Herausforderungen meistern, Grenzen erleben und merken: Ich werde gesehen. Ich kann etwas. Ich gehöre dazu.
Denn jeder Junge verdient es, gesehen und respektiert zu werden.
Auch dein Sohn.
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Anton Wieser
Ich heiße Anton Wieser und bin in Kitzbühel geboren. Ich bin stolzer Vater von zwei fantastischen Kindern - unserer Tochter Lily und unserem Sohn Max. Zusammen mit meiner wundervollen Frau und den Kids lebe ich im malerischen Kitzbühel in Tirol. Meine Berufung: Väter und Söhne mit der kraftvoll wirksamen Kombination aus Erlebnis, Abenteuer und Coaching dabei zu unterstützen, eine langfristig herzliche und tragende Verbindung zueinander aufzubauen!