Inhalt
- Warum ADHS bei Jungen so häufig diagnostiziert wird
- Ist mein Sohn einfach lebhaft oder hat er ADHS?
- Willkommen in der Pubertät.
- Und was ist mit Smartphone, Gaming und TikTok?
- Warum „Reiß dich zusammen“ bei ADHS oft so wenig bringt
- Wann solltest du genauer hinschauen?
- Was braucht ein Junge mit ADHS von seinen Eltern?
Immer wieder habe ich in Coaching und bei den Vater- und Mutter&Sohn Reisen mit Jungs zu tun, bei denen AD(H)S diagnostiziert wurde oder der Verdacht besteht, er könnte daran leiden. Ich kann dir sagen, es macht Spaß sie dabei zu haben. Klar, sie brauchen noch direktere Ansagen, klare Aufgaben, vor allem aber Verständnis für ihre Situation. Oft kommen sie dann auch ohne Medikation mit Spaß und oft auch entspannt durch das Camp.
Aber nun zu dir: Dein Sohn steht morgens zum dritten Mal ohne Sporttasche im Flur. Die Mathehausaufgabe liegt halb fertig auf dem Tisch, der eine Schuh ist verschwunden, beim Frühstück erzählt er dir gleichzeitig von vier Dingen und fünf Minuten später hängt er kopfüber über dem Sofa, während du dich fragst: Ist das noch normal? Ist das einfach mein Sohn? Pubertät? Bewegungsdrang? Oder steckt vielleicht ADHS dahinter?
Genau diese Frage beschäftigt gerade viele Eltern.
Denn neue Zahlen zeigen: ADHS-Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen nehmen zu. Besonders häufig betrifft das Jungen. 2024 erhielten in Deutschland hochgerechnet rund 202.000 Kinder und Jugendliche erstmals eine ADHS-Diagnose. Bei Jungen waren es 22,4 von 1.000, bei Mädchen 11,3 von 1.000.
Das klingt erst einmal deutlich.
Und dennoch sagt eine Zahl über deinen Sohn noch gar nichts.
Denn ein lebhafter Junge ist noch kein Junge mit ADHS. Ein verträumter Junge ebenso wenig. Und ein 12-Jähriger, der seine Sportsachen zum dritten Mal irgendwo in der Schule, im Bus und in der Umkleide verteilt hat, erfüllt damit noch lange keine Diagnose.
Die entscheidende Frage lautet: Wie stark, wie dauerhaft und in wie vielen Lebensbereichen beeinträchtigen Unaufmerksamkeit, Impulsivität oder starke innere beziehungsweise äußere Unruhe deinen Sohn wirklich?
Warum ADHS bei Jungen so häufig diagnostiziert wird
ADHS ist eine neurologische Entwicklungsstörung. Im Kern geht es vor allem um drei Bereiche: Aufmerksamkeit, Impulssteuerung und Aktivitätsregulation. Manche Kinder zeigen vor allem starke Unruhe und Impulsivität, andere wirken eher verträumt, unorganisiert und gedanklich weit weg. Viele haben eine Mischung daraus.
Bei Jungen fällt ADHS häufig früher auf, weil sichtbares Verhalten schneller Aufmerksamkeit erzeugt. Ein Junge, der im Unterricht aufsteht, dazwischenruft, ständig etwas fallen lässt, Mitschüler anstupst oder impulsiv explodiert, wird schlicht schneller bemerkt als ein Kind, das still aus dem Fenster schaut und gedanklich abwesend wirkt.
Die aktuellen DAK-Daten zeigen diesen Geschlechterunterschied deutlich. Im Jahr 2024 erhielten ungefähr doppelt so viele Jungen wie Mädchen eine ADHS-Neudiagnose. Gleichzeitig steigen die Diagnosen bei Mädchen stärker an. Das darf uns an etwas Wichtiges erinnern: ADHS hat vielfältige Gründe.
Auch bei Jungen.
Es gibt den Jungen, der dauernd in Bewegung ist. Den Jungen, der stundenlang Lego bauen oder gamen kann aber bei den Hausaufgaben nach sieben Minuten aussteigt. Den Jungen, der freundlich, ruhig und dabei völlig chaotisch ist. Den Jungen, der eine echt kurze Zündschnur hat, also sehr schnell explodiert und sich zehn Minuten später selbst fragt, was da gerade passiert ist.
Deshalb lohnt sich ein zweiter Blick.
Ist mein Sohn einfach lebhaft oder hat er ADHS?
Viele Eltern suchen genau darauf eine klare Antwort. Die gibt es, nur eben selten in einem einzigen Verhalten.
Bei ADHS geht es um mehr. Fachleute achten darauf, ob typische Schwierigkeiten über längere Zeit bestehen, in mehreren wichtigen Lebensbereichen auftauchen und dort spürbar beeinträchtigen. Also zum Beispiel zu Hause und in der Schule. Oder in Schule und Freundeskreis. Die Frage ist weniger: „Zappelt mein Sohn?“ Die bessere Frage lautet: „Welche Schwierigkeiten bereitet ihm sein Verhalten im Tagesablauf?“
Verliert er ständig Dinge und gerät dadurch in echte Probleme? Scheitert er regelmäßig an Aufgaben, obwohl er den Stoff versteht? Explodiert er so impulsiv, dass Freundschaften leiden? Vergisst er Absprachen so häufig, dass der Familienalltag dauernd eskaliert? Fühlt er sich selbst zunehmend als Versager, obwohl er sich anstrengt? Das hat dann auch was mit seinem Selbstwertgefühl zu tun.
Dann wird es relevant.
Denn genau hier beginnt der Unterschied zwischen einer Eigenart und einer Belastung.
ADHS oder Pubertät? Manchmal sieht beides erstaunlich ähnlich aus
Gerade zwischen ungefähr zehn und vierzehn Jahren wird die Sache für Eltern knifflig. Dein Sohn schläft später ein, ist morgens kaum ansprechbar, vergisst die Hälfte, diskutiert plötzlich über jede Kleinigkeit und scheint sein Gehirn regelmäßig irgendwo im nirgendwo liegen zu lassen.
Willkommen in der Pubertät.
In dieser Phase im Leben eines Jungen verändern sich Schlafrhythmus, Motivation, soziale Orientierung und Selbstständigkeit. Freunde gewinnen an Bedeutung. Schule verlangt gleichzeitig immer mehr Planung. Genau hier können auch bisher gut kompensierte Aufmerksamkeitsprobleme sichtbarer werden.
Ein elfjähriger Junge kommt vielleicht noch mit einem Stundenplan, einer Mutter im Hintergrund und einer Klassenlehrerin zurecht, die jeden Morgen an die Hausaufgabe erinnert. Zwei Jahre später soll derselbe Junge sechs Fächer, mehrere Lehrer, Prüfungen, Fußballtraining, Freundschaften und sein Smartphone irgendwie selbst organisieren.
Dann knallt Organisation auf Pubertät.
Bei ADHS kann genau das zum Problem werden. Die Anforderungen steigen, die eigene Steuerung hinkt hinterher.
Gleichzeitig gilt: Schlafmangel, Dauerstress, Konflikte, Ängste, depressive Symptome, Lernprobleme und hoher Medienkonsum können Aufmerksamkeit und Impulskontrolle ebenfalls massiv beeinflussen. Deshalb gehört eine gute Abklärung in professionelle Hände. Ein Online-Test oder ein TikTok-Video kann einen Verdacht auslösen. Eine Diagnose ersetzt es nicht.
Und was ist mit Smartphone, Gaming und TikTok?
Hier wird es schnell ideologisch. Die einen sagen, Bildschirmmedien machen Kinder krank. Die anderen erklären jedes Problem für harmlos, solange das Kind noch lacht.
Beides hilft wenig.
Ein Smartphone verursacht nicht automatisch ADHS. Gleichzeitig können digitale Reize Schwierigkeiten verstärken, die ohnehin vorhanden sind. Besonders kurze, schnell wechselnde Inhalte trainieren unser Gehirn darauf, ständig Neues zu erwarten. Für einen Jungen, der ohnehin Mühe mit Selbststeuerung, Reizfilterung oder Langeweile hat, kann ein Nachmittag voller Shorts, Games und Notifications danach die Mathehausaufgabe schwierig und uninteressant machen.Zu groß war der Aufmerksamkeitsfluss in die Welt hinter dem blauen Shirm.
„…In den Daten des DAK-Kinder- und Jugendreports sehen wir, dass ADHS häufiger diagnostiziert wird – unter anderem eventuell auch, weil der Druck und Stress für Kinder und Jugendliche zugenommen haben. Wir beobachten wahrscheinlich zum Teil auch Spätfolgen der Pandemie, weil wichtige Lernschritte eventuell unterbrochen oder verzögert wurden.
Zudem nimmt der negative Einfluss sozialer Medien zu: Der erhöhte Medienkonsum kann die Konzentrationsfähigkeit mindern, das Stresslevel erhöhen und durch unrealistische Idealbilder den Selbstoptimierungsdruck verstärken. Sicherlich ist das Thema ADHS in der Öffentlichkeit auch präsenter geworden. Ärztinnen und Ärzte, Eltern und Lehrkräfte sind heute besser über die Symptome informiert. Die Krankheit kann dadurch schneller und früher diagnostiziert und gegebenenfalls behandelt werden – genau das ist wichtig, um jungen Menschen zu helfen, ihre Ziele zu erreichen. Von einer Modediagnose oder Überdiagnostik kann jedoch im Allgemeinen keine Rede sein…“
Prof. Dr. med. Christoph U. Correll, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Berliner Charité
Das bedeutet: Medien sind selten die ganze Erklärung. Sie gehören aber in den Gesamtblick.
Wie schläft dein Sohn? Wie viel bewegt er sich? Wie strukturiert ist sein Alltag? Wie sehen seine Bildschirmzeiten aus? Wie geht es ihm in der Schule? Hat er Freunde? Gibt es gerade Trennung, Mobbing, Leistungsdruck oder dauernden Streit?
Denn Verhalten entsteht nie im luftleeren Raum.
Warum „Reiß dich zusammen“ bei ADHS oft so wenig bringt
Viele Jungen mit ADHS hören jahrelang ähnliche Sätze.
Konzentrier dich doch endlich.
Denk halt vorher nach.
Warum vergisst du das schon wieder?
Du könntest es doch, wenn du nur wolltest.
Und irgendwann wird daraus im Kopf eines Jungen ein anderer Satz: Mit mir stimmt etwas nicht.
Das ist vielleicht der gefährlichste Teil.
Denn ein Junge, der täglich erlebt, dass er Erwartungen verfehlt, obwohl er sich bemüht, entwickelt irgendwann Strategien. Manche werden zu Klassen-Clowns. Manche werden laut und verhalten sich respektlos. Manche verweigern die Schule. Manche ziehen sich in ihr Zimmer zurück.
Das schützt den Selbstwert.
Zumindest kurzfristig.
Wenn dein Sohn tatsächlich ADHS hat, braucht er deshalb mehr als Ermahnungen. Er braucht Strukturen, die funktionieren. Kurze klare Aufträge. Sichtbare Erinnerungen. Bewegungsmöglichkeiten. Verlässliche Routinen. Eine Umgebung mit weniger unnötigen Ablenkungen. Und Erwachsene, die genau hinssehen und unterscheiden können, ob er gerade nicht will oder nicht kann.
Das heißt nicht, dass Grenzen verschwinden. Im Gegenteil. Viele Jungen profitieren enorm von klaren Grenzen.
Nur sollten Grenzen Orientierung geben und nicht ständig Scham produzieren.
Wann solltest du genauer hinschauen?
Wenn du dich fragst, ob dein Sohn ADHS haben könnte, beobachte nicht nur einzelne spektakuläre Momente. Schau auf das Muster.
Wie lange bestehen die Schwierigkeiten schon? Treten sie auch außerhalb eures Zuhauses auf? Was sagen Schule, Trainer oder andere Erwachsene? Leiden Freundschaften darunter? Leidet dein Sohn selbst? Werden Alltag, Lernen oder Familienleben deutlich erschwert?
Eine fachliche Abklärung kann sinnvoll sein, wenn die Probleme dauerhaft sind und mehrere Lebensbereiche betreffen. Sie sollte umfassend erfolgen und Entwicklung, psychische Gesundheit, Schule, Familie, mögliche Begleiterkrankungen und körperliche Faktoren berücksichtigen. Eine Diagnose entsteht nicht aus einem Fragebogen allein.
Und auch eine Diagnose ist kein Urteil.
Sie kann im besten Fall erklären, warum manches so verdammt schwer war.
Plötzlich bekommt ein Junge Worte für etwas, das er vorher vielleicht nur als eigenes Versagen erlebt hat.
Was braucht ein Junge mit ADHS von seinen Eltern?
Vor allem zwei Dinge, die manchmal schwer zusammenzubringen sind: Verständnis und Führung.
Verständnis bedeutet: Du erkennst an, dass dein Sohn manche Dinge wirklich schwerer steuern kann.
Führung bedeutet: Du hilfst ihm trotzdem, Verantwortung zu lernen.
Vielleicht braucht dein Sohn morgens eine Checkliste an der Tür. Vielleicht muss das Handy bei den Hausaufgaben in einem anderen Raum liegen. Vielleicht helfen 20 Minuten konzentrierte Arbeit besser als die Forderung, jetzt gefälligst zwei Stunden am Stück zu sitzen. Vielleicht braucht er nach der Schule erst Bewegung und dann Mathe.
Und vielleicht braucht er vor allem einen Erwachsenen, der einmal sagt: „Ich sehe, dass du dich anstrengst. Lass uns herausfinden, wie es für dich besser funktioniert.“
Dieser Satz macht aus einem Problem noch keine Lösung.
Aber er öffnet eine Tür.
ADHS bei Jungen: Dein Sohn ist mehr als seine Diagnose
ADHS kann ein Leben deutlich erschweren. Schule. Freundschaften. Familie. Selbstwert. Später Ausbildung und Beruf.
Deshalb sollte man es ernst nehmen.
Genauso ernst sollten wir allerdings den ganzen Jungen nehmen.
Seinen Humor. Seine Energie. Seine Kreativität. Seine Begeisterungsfähigkeit. Seine verrückten Ideen. Seine Fähigkeit, für ein Thema zu brennen, das ihn wirklich packt. Seine Stärken verschwinden durch eine Diagnose keinen Millimeter.
Wenn du gerade unsicher bist, beobachte deinen Sohn ein paar Wochen genauer. Sprich mit der Schule. Frag ihn selbst, was ihm schwerfällt. Nicht nur: „Warum machst du das?“ Frag lieber: „Was passiert in dir, kurz bevor du abschweifst?“ Oder: „Was würde dir helfen, damit du morgens weniger vergisst?“
Das sind andere Gespräche.
Falls du merkst, dass dein Sohn dauerhaft leidet, seine schulische Entwicklung kippt, Freundschaften zerbrechen oder euer Familienalltag jeden Tag zum Kampf wird, hol dir Unterstützung. Bitte Frühzeitig. Und bitte ohne Drama.
Bei Boys-Up geht es genau um diesen Blick auf den ganzen Jungen. Verhalten verstehen, Verantwortung fördern, Beziehung erhalten und gemeinsam herausfinden, was dieser eine Junge gerade wirklich braucht.
Denn jeder Junge verdient es, gesehen und respektiert zu werden.
Ob er nun eine Diagnose hat.
Oder nicht!
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Anton Wieser
Ich heiße Anton Wieser und bin in Kitzbühel geboren. Ich bin stolzer Vater von zwei fantastischen Kindern - unserer Tochter Lily und unserem Sohn Max. Zusammen mit meiner wundervollen Frau und den Kids lebe ich im malerischen Kitzbühel in Tirol. Meine Berufung: Väter und Söhne mit der kraftvoll wirksamen Kombination aus Erlebnis, Abenteuer und Coaching dabei zu unterstützen, eine langfristig herzliche und tragende Verbindung zueinander aufzubauen!