Gewalt an Schulen: Warum Jungen so schnell eskalieren

„Young, 14, behind a fence“

Berlin hat am 3. September als Reaktion auf sein großes Konflikt- und Gewaltbarometer einen 13-Punkte-Plan gegen Gewalt an Schulen vorgestellt. Hinter den Zahlen steckt eine Frage, die Eltern von Jungen direkt betrifft: Wie lernen Jungen, mit Frust, Kränkung und Konflikten umzugehen, bevor aus einem kleinen Streit eine große Sache wird?

Wenn aus einem Radiergummi eine Schlägerei wird: Gewalt an Schulen und unsere Jungen

Berlin zieht die Konsequenzen. Nach einer großen Untersuchung zu Gewalt an Schulen hat die Bildungsverwaltung Anfang September einen 13-Punkte-Plan vorgestellt. Mehr als 14.000 Schüler und über 2.500 Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeiter wurden zuvor befragt. Die Ergebnisse sind unangenehm. Gerade für Eltern von Jungen in der Pubertät, für Eltern eines 12-jährigen Jungen oder 13-jährigen Jungen lohnt sich ein genauer Blick. Denn hinter Schulgewalt, Aggression bei Jungen und eskalierenden Konflikten steckt häufig mehr als ein Junge, der sich einfach „danebenbenimmt“.

Gewalt an Schulen: Wenn kleine Dinge plötzlich groß werden

63 Prozent der befragten Berliner Neuntklässler berichten von Beleidigungen. Fast jeder Zweite wurde lächerlich gemacht oder bloßgestellt. Rund jeder Vierte wurde geschlagen, getreten oder geboxt. Und mehr als die Hälfte der befragten Lehrkräfte sieht Gewalt und Konflikte an ihrer Schule als großes oder sehr großes Problem.

Noch spannender finde ich allerdings eine andere Zahl:

80 Prozent der Lehrkräfte beobachten laut Auswertung, dass Konflikte schneller eskalieren als noch vor einigen Jahren. Als wichtigen Grund nennen sie eine geringere Impulskontrolle und Frustrationstoleranz.

Da fliegt erst der Radiergummi. Dann ein blöder Spruch. Einer lacht. Einer fühlt sich vor den anderen bloßgestellt. Noch ein Spruch. Ein Schubser. Und plötzlich stehen zwei Jungen voreinander, die vor drei Minuten möglicherweise noch gemeinsam Fußball gespielt haben.

Wie konnte das so schnell gehen?

Vielleicht lohnt sich genau hier ein zweiter Blick.

Warum Jungen bei Kränkungen manchmal so schnell hochfahren

Ein Junge in der Pubertät baut gerade an ziemlich vielen Baustellen gleichzeitig. Sein Körper verändert sich. Die Peergroup wird wichtiger. Status wird wichtiger. Anerkennung wird wichtiger. Gleichzeitig entwickelt sich die Fähigkeit zur Selbststeuerung über viele Jahre weiter.

Und dann sitzt dieser Junge in einer Klasse mit 25 anderen jungen Menschen.

Er wird ausgelacht.
Vor allen.

Vielleicht wegen seiner Klamotten. Wegen einer falschen Antwort. Wegen eines Mädchens. Wegen seines Körpers. Wegen eines Videos, das irgendein Mitschüler in die Klassengruppe gestellt hat.

Für einen Erwachsenen ist das möglicherweise eine unangenehme Situation. Für einen 13-jährigen Jungen kann sie sich in diesem Moment wie eine öffentliche Hinrichtung seines sozialen Status anfühlen.

Das entschuldigt Gewalt nicht. Gewalt braucht klare Grenzen. Punkt.

Doch wenn wir verstehen wollen, warum ein Junge zuschlägt, reicht die Frage „Was hast du getan?“ oft nur bis zur Oberfläche. Spannender wird die Frage: „Was ist in den dreißig Sekunden davor in dir passiert?“

War da Wut? Scham? Angst? Das Gefühl, sich vor den anderen verteidigen zu müssen? Der Gedanke: Wenn ich jetzt nichts mache, bin ich der Depp der Klasse?

Genau dort beginnt Begleitung.

Aggression bei Jungen ist oft eine ziemlich schnelle Sprache

Viele Jungen können erstaunlich differenziert über Fußballtaktik, Computerspiele oder den Motor eines Mopeds sprechen. Frag denselben Jungen unmittelbar nach einem Konflikt, was gerade in ihm los ist und du bekommst möglicherweise: „Keine Ahnung.“

Das ist keine Bosheit. Oft fehlen schlicht Übung und Worte.

Wut ist dabei ein wunderbar schnelles Gefühl. Sie gibt Energie. Sie macht groß. Sie schiebt nach vorne. Scham dagegen fühlt sich klein an. Hilflosigkeit fühlt sich klein an. Angst ebenfalls.

Ein Junge, der gelernt hat, diese Gefühle wahrzunehmen und auszuhalten, gewinnt Sekunden. Und manchmal entscheiden genau diese Sekunden darüber, ob eine Faust fliegt oder ein Junge sagt: „Alter, lass mich in Ruhe.“

Das klingt banal. Ist es aber nicht.

Selbstregulation wächst durch Erfahrung. Durch Erwachsene, die Grenzen setzen und gleichzeitig erreichbar bleiben. Durch Sport. Durch Herausforderungen. Durch Konflikte, die anschließend besprochen werden. Durch Situationen, in denen ein Junge merkt: Ich kann wütend sein und trotzdem entscheiden, was ich mit dieser Wut mache.

Das ist Selbstwirksamkeit.

Schule braucht Grenzen. Jungen brauchen mehr als Strafen

Berlin will nun einheitlicher reagieren. Wiederholte Gewalttätigkeiten sollen klarere Folgen haben, Anti-Gewalt-Trainings können verpflichtend werden und Schulen sollen bei schweren Fällen schneller Unterstützung bekommen.

Das halte ich für richtig.

Jungen brauchen Grenzen. Grenzen geben Orientierung. Eine Grenze sagt: Bis hierhin. Und hier endet dein Handlungsspielraum, weil der andere Mensch dieselbe Würde besitzt wie du.

Gleichzeitig wäre es zu einfach, unsere Verantwortung an Schulordnungen, Trainingsprogramme und Lehrer abzugeben.

Denn Frustrationstoleranz wird nicht erst im Klassenzimmer gelernt.

Sie wächst zu Hause. Beim Verlieren. Beim Warten. Beim Streit mit Geschwistern. Wenn der WLAN-Router ausgeschaltet wird. Wenn Papa beim Fußballspiel eine Entscheidung trifft, die dem Sohn gerade überhaupt nicht passt. Wenn Mama eine Grenze setzt und der Junge sie richtig beschissen findet.

Das sind kleine Trainingsplätze fürs Leben.

Die spannende Frage lautet deshalb weniger: Wie verhindere ich, dass mein Sohn wütend wird?
Die bessere Frage lautet: Was kann mein Sohn tun, wenn er wütend ist?

Was du heute mit deinem Sohn besprechen kannst

Vielleicht nutzt du die aktuellen Nachrichten aus Berlin einmal als Gesprächseinstieg. Ohne Vortrag. Ohne pädagogischen Zeigefinger.

Frag deinen Sohn: „Wann hast du zuletzt erlebt, dass ein Streit in der Schule richtig schnell eskaliert ist?“

Dann hör zu.

Wer hat angefangen? Was war vorher? Was macht man heute, wenn jemand in der Klassengruppe bloßgestellt wird? Was gilt unter den Jungs als schwach? Wann muss man sich angeblich „wehren“? Was passiert mit einem Jungen, der bei einer Provokation einfach weggeht? Wird er dafür respektiert oder ausgelacht?

Das sind spannende Fragen, weil du damit in die Welt deines Sohnes kommst.

Und vielleicht hörst du Antworten, die dir nicht gefallen.

Umso besser. Dann redet ihr darüber.

Ein Junge braucht Erwachsene, mit denen er auch die hässlichen Gedanken besprechen kann. Erwachsene, die sagen können: „Ich verstehe, warum dich das wütend gemacht hat. Und trotzdem war der Schlag falsch.“ Beides darf gleichzeitig wahr sein.

Verständnis und Verantwortung.
Nähe und Grenze.
Genau diese Kombination macht Jungen stark.

Jeder Junge verdient es, gesehen zu werden

In unseren Männers-Camps erleben wir immer wieder, wie viel sich verändert, wenn Jungen aus ihrem gewohnten Umfeld herauskommen. Wenn sie körperlich gefordert werden. Wenn etwas einmal nicht auf Anhieb klappt. Wenn andere Jungen zuschauen. Wenn Frust entsteht. Wenn Väter dabei sind.

Genau dort wird es interessant.

Denn ein Junge erlebt plötzlich: Ich kann meinen Frust aushalten. Ich kann weitermachen. Ich kann Hilfe annehmen. Ich kann verlieren, ohne meinen Wert zu verlieren. Und ich kann stark sein, ohne einen anderen kleinzumachen.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Aufgaben, die wir als Eltern, Trainer, Lehrer und Begleiter haben: Jungen Räume zu geben, in denen sie Stärke erleben und gleichzeitig Verantwortung lernen.

Denn Gewalt beginnt manchmal mit einem Radiergummi, einem dummen Spruch und dreißig Sekunden, in denen ein Junge keine bessere Antwort findet.

Geben wir ihm mehr Antworten.

Jeder Junge verdient es, gesehen und respektiert zu werden. Auch dein Sohn.

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